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Pflegeheime: Die häufigsten Fallen in den Verträgen

IHRE LEBENSQUALITÄT IM ALTER

Mann unterschreibt Vertragsdokument

© dolgachov - 123rf.com

Gut zwei Drittel (71 %) aller Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt, ausschließlich von Angehörigen oder in Zusammenarbeit mit einem ambulanten Pflegedienst. Doch natürlich ist das nicht in allen Fällen möglich. So sind in den rund 12.000 Pflegeheimen in Deutschland derzeit gut 700.000 Pflegebedürftige über 65 Jahren vollstationär untergebracht – Tendenz seit mehr als zehn Jahren kontinuierlich steigend. Die Wahl des richtigen Pflegeheims ist alles andere als einfach, denn schließlich soll es sowohl optimale Qualität als auch einen günstigen Preis bieten. Ich habe für Sie die wichtigsten Punkte zusammengestellt.

Stimmen Preis und Leistung?

Was den Preis angeht, so zählen einerseits Lage – Heime in Großstädten sind in der Regel teurer als solche auf dem Land – und Ausstattung (z. B. Zimmerausstattung, Gruppenräume, Sport- und Freizeitangebote), andererseits aber auch das Bundesland. So liegen die monatlichen Kosten für einen Heimplatz in Deutschland zwischen etwa 2.500 € in Sachsen-Anhalt und 4.000 € in Nordrhein-Westfalen. Grundsätzlich setzen sich die Pflegeheimkosten zusammen aus den Kosten für die Pflege, für Unterkunft und Verpflegung sowie den sogenannten Investitionskosten, die zur Deckung der Gebäude- und Instandhaltungskosten dienen. Eine gute Übersicht über Pflegeeinrichtungen in Ihrer Nähe sowie die jeweiligen Kosten (Eigenanteil nach Pflegestufen gestaffelt) sowie eine Bewertung finden Sie z. B. online beim Pflege-Navigator der AOK (www.aokpflegeheimnavigator.de): Einfach Ort oder Postleitzahl sowie gewünschten Umkreis in Kilometern eingeben. Auf diese Weise erhalten Sie bereits ein recht detailliertes Bild der jeweiligen Einrichtung, wie viele Plätze vorhanden sind und ob es beispielsweise Kooperationen mit Ärzten gibt. Sie finden hier auch Links zu den Webseiten der Einrichtungen, manchmal Fotos und weitere Fakten. Das unabhängige Recherchezentrum correctiv.org hat die AOK-Daten zu Pflegeheimen in Deutschland analysiert, sodass Sie dort wichtige Zusatzinformationen erhalten. Sie finden die Bewertungen der 15 Journalisten unter correctiv.org/pflege.

Machen Sie sich selbst ein Bild

Wenn Sie auf diesem Wege eine Vorauswahl getroffen haben, sollten Sie sich die jeweiligen Heime unbedingt persönlich anschauen, gern auch mehrmals. Es geht hier schließlich um eine sehr einschneidende Entscheidung für sich selbst oder einen Angehörigen, nicht um den Kauf eines neuen Fernsehgeräts! Am besten ist es, wenn Sie unangekündigt auftauchen und am Empfang darum bitten, sich einmal umschauen zu dürfen. Nehmen Sie sich Zeit und schauen Sie sich alles genau an, lassen Sie sich am besten mehrere Zimmer bzw. Wohnungen zeigen, werfen Sie einen Blick in Gemeinschaftsräume. Gibt es Sporträume und wie sind sie ausgestattet? Hat das Heim evtl. ein Schwimmbad, eine Sauna, einen Parkbereich? Reden Sie mit Pflegerinnen und Pflegern, fragen Sie auch Heimbewohner, was sie dort besonders schätzen – oder auch gar nicht mögen. Je mehr Sie bei Ihren Erkundungsbesuchen erfahren, desto weniger müssen Sie Überraschungen fürchten.

Können Sie die Kosten tragen?

Angesichts der eingangs erwähnten enormen Preisunterschiede hat die Frage nach der Finanzierbarkeit höchste Priorität. Ein Beispiel: Sie oder Ihr Angehöriger hat Pflegestufe 1. Der Preis für 30 Tage Pflege, Unterbringung und Verpflegung beträgt im Kursana Domizil in Buchholz i.d.N. 1.976,70 €, zzgl. Investitionskosten in Höhe von z. B. 525 € macht 2.501,70 €. Davon ziehen wir den Kassenanteil in Höhe von 1.064 € ab und kommen auf einen Eigenanteil von 1.437,70 €. Bei unserem Beispielheim würden Sie in Pflegestufe 2 auf einen Eigenanteil von 1.632,20 € kommen, bei Pflegestufe 3 auf 1.813,40 € und im Härtefall (besonders hoher Pflegeaufwand) 1.808,10 €. Reichen Rente und sonstige Einkünfte aus?

Das sind die kritischen Punkte im Vertrag:

Falle Nummer 1: Sie als Angehöriger werden ungewollt Vertragspartner

Ziel des Vertrags mit dem Pflegeheim ist es, die Rechte der pflegebedürftigen Bewohner zu schützen. Im Normalfall wird der Vertrag zwischen dem künftigen Heimbewohner und dem Heimbetreiber geschlossen. Es kommt jedoch häufig vor, dass der Pflegebedürftige den Vertrag nicht mehr selbst unterschreiben kann. Wenn Sie den Vertrag nicht für sich selbst unterschreiben, sondern für einen Angehörigen, sollten Sie den Vertrag nur mit dem Zusatz „in Vertretung“ unterschreiben. Ansonsten sind Sie der Vertragspartner und gelten damit als Schuldner gegenüber dem Heim.

Falle Nummer 2: Das Heim bietet nicht alle Leistungen, die Sie benötigen

Für Sie von zentraler Bedeutung sind die Leistungen des Heimbetreibers, die im Vertrag festgeschrieben werden müssen: Welche Freizeitbeschäftigungenwerden angeboten, und wie oft? Gibt es eine kostenlose Getränkeversorgung – welche? – und wie sehen die Mahlzeiten aus? Für welche Art von Zimmer oder Wohnung (Größe, Ausstattung) wird der Vertrag geschlossen? Besteht die Möglichkeit, eigene Möbel mitzubringen? Und selbstverständlich müssen alle Preise für alle zusätzlichen Leistungen angegeben sein.

Falle Nummer 3: Die Versorgung mit Personal wird nicht explizit genannt

Eine Studie der Universität Witten/Herdecke in Kooperation mit dem Pflege e.V. kam zu einem erschreckenden Ergebnis, was die nächtliche Versorgung der Heimbewohner angeht. Danach versorgt eine Pflegerin nachts im Durchschnitt 52 Bewohner, jede 10. Pflegerin sogar mehr als 100. Fragen Sie nach, ob es in dem Heim einen internen Stellenschlüssel gibt oder eine Leistungs- und Qualitätsvereinbarung mit den Pflegekassen, die regeln, wie viele Bewohner auf eine Pflegekraft kommen. Grundsätzlich gilt: Die Stellenschlüssel sind von Bundesland zu Bundesland verschieden. In Bayern beispielsweise beträgt der Schlüssel 1:3,00 für Bewohner mit Pflegestufe 1, 1:2,25 für Pflegestufe 2 und 1:1,90 für Pflegestufe 3. In Ihrem Vertrag wird bezüglich der Betreuungsleistungen vermutlich eine Formulierung stehen, die auf die Regelungen im „Sozialgesetzbuch SGB XI“ verweist. Lassen Sie sich konkrete Zahlen nennen und diese nach Möglichkeit in den Vertrag aufnehmen.

Falle Nummer 4: Die Kündigungsrechte des Bewohners werden nicht konkretisiert

Die gesetzlichen Regelungen des Wohn- und Betreuungsvertragsgesetzes (WBVG) sehen weitreichende Kündigungsmöglichkeiten durch den Heimbewohner vor. So ist es z. B. möglich, den Vertrag bis zu 14 Tage nach Vertragsabschluss bzw. Aushändigung des Vertrages ohne Angabe von Gründen zu kündigen. Achten Sie darauf, dass diese verbraucherfreundlichen Regelungen nicht durch anderslautende Vertragstexte verwässert werden. Den Gesetzestext finden Sie unter www.gesetze-im-internet.de/wbvg.

Falle Nummer 5: Der Heimbetreiber erklärt Ihnen nicht genau, wann er zur Kündigung berechtigt ist

Der Heimbetreiber kann Ihnen nur unter bestimmten Bedingungen und „aus wichtigem Grund“ kündigen (§ 12 WBVG). Ein wichtiger Grund wäre es, wenn sich Ihr Pflegeund Betreuungsbedarf ändert, der Betreiber diese Leistung aber nicht erbringen kann. In Ihrem Vertrag muss deshalb unbedingt geregelt sein, was z. B. bei einer Änderung der Pflegestufe oder des Betreuungsbedarfs (etwa einer Demenzerkrankung) geschieht.

Mein Tipp:

Lassen Sie sich nicht vom ersten Eindruck täuschen. Umfragen haben ergeben, dass etwa ein Drittel der Befragten Unregelmäßigkeiten oder Fehler bei der Versorgung mit Arzneimitteln festgestellt und dass 4 von 10 Bewohnern Versäumnisse des Pflegepersonals zu beklagen hatten. Wenn Ihnen nicht Heimbewohner von Problemen berichten, erfährt man so etwas eigentlich erst, wenn’s schon zu spät. Deshalb: Vereinbaren Sie ein Probewohnen von mindestens 2 bis 4 Wochen! Das gibt Ihnen die nötigen Einblicke, um eine gut begründete Entscheidung zu fällen.

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